„Wenn ihr sagt, der ist scheiße, bin ich weg” – Warum Klopps Ansage mehr über Führung sagt als jedes Management-Seminar

 

July 24, 2026
Heute wurde Jürgen Klopp in Frankfurt als neuer Bundestrainer vorgestellt. Und er hat gleich am ersten Tag etwas getan, das in Führungsetagen – ob im Sport, in der Wirtschaft oder in der Politik – erstaunlich selten geworden ist: Er hat die Bedingungen seines eigenen Scheiterns selbst definiert. Öffentlich. Ohne Netz und doppelten Boden.

Sinngemäß: Wenn die Mehrheit ihn nicht mehr will, geht er. Wenn der DFB ihn nicht mehr will, geht er. Ohne Abfindung. Und wer seine Familie nicht in Ruhe lässt – dann ist er ebenfalls weg.

Ich sage es klar: Genau so handhabe ich das auch. Volle Unterstützung von meiner Seite.

Skin in the Game statt goldener Fallschirm

Was Klopp hier vorlebt, hat einen Namen: Skin in the Game. Die Konsequenzen des eigenen Handelns selbst tragen, statt sie vertraglich wegzuverhandeln.

Der Verzicht auf eine Abfindung dreht die übliche Anreizlogik komplett um. Wer bleibt, bleibt aus Überzeugung – nicht, weil der Vertrag es teuer macht, ihn loszuwerden. Und wer vorab klare Exit-Kriterien definiert, klebt nicht am Stuhl. Das schafft Vertrauen, weil niemand rätseln muss, ob jemand die Aufgabe macht oder nur das Amt verwaltet.

Als Unternehmer und Freiberufler lebe ich seit über einem Jahrzehnt nach demselben Prinzip. Wer eine GmbH gründet, ein Produkt von der ersten Schaltung bis zur Zertifizierung selbst verantwortet und in Projekten nur so gut ist wie das letzte Arbeitsergebnis, der kennt keine Abfindungslogik. Es gibt nur Überzeugung, Leistung – und die Bereitschaft, für beides gerade zu stehen. Kein Klammern, keine Spielchen.

Dazu gehört auch die zweite Seite von Klopps Ansage: Harter Sachkritik stelle ich mich jederzeit. Aber die Grenze zum Privaten – zur Familie – ist tabu. Diese saubere Trennung ziehen zu können, ohne dünnhäutig zu wirken, ist eine Führungsqualität für sich.

Ähnliche Wurzeln: Was das Aufwachsen hier prägt

Vielleicht ist es kein Zufall, dass mir diese Haltung so vertraut vorkommt. Klopp ist im Schwarzwald aufgewachsen, in Glatten – keine 50 Kilometer von dort, wo ich zuhause bin und heute mein Unternehmen führe. Wir sind eine Generation, geprägt von derselben Region.

Wer hier im Ländle aufgewachsen ist, hat bestimmte Dinge früh mitbekommen, oft ohne dass sie je ausgesprochen wurden: Dass Arbeit zuerst kommt und Reden danach. Dass ein Handschlag gilt. Dass man nicht mehr verspricht, als man halten kann – und das, was man verspricht, dann auch hält. Dass Bodenständigkeit keine Schwäche ist, sondern die Voraussetzung dafür, dass einem die Leute über Jahrzehnte vertrauen.

Klopp hat diese schwäbischen Tugenden in die größten Stadien der Welt getragen – nach Dortmund, nach Liverpool, jetzt zum DFB. Ich trage sie in die Entwicklung von Leistungselektronik und Embedded-Systemen: gründlich statt schnell, ehrlich statt geschönt, verantwortlich statt abgesichert. Die Bühnen könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Grundhaltung ist dieselbe.

Warum das über den Fußball hinaus wichtig ist

Der ursprüngliche Post, der mich zu diesem Artikel bewegt hat, endete mit dem Satz: „Hoffe auch viele Politiker haben zugehört.” Dem schließe ich mich an – und erweitere ihn um die Konzernetagen.

Denn genau an den beiden Punkten, die Klopps Ansage so stark machen, hapert es dort am häufigsten:

Erstens fehlt das persönliche Risiko. Wer scheitert, fällt weich – Abfindung, Übergangsgeld, Aufsichtsratsposten. Die Konsequenzen tragen andere.

Zweitens fehlen klare, vorab definierte Kriterien für den eigenen Abgang. Stattdessen wird umgedeutet, ausgesessen und weiterregiert, bis es nicht mehr geht.

Man muss keinen Fußball mögen, um zu erkennen, was hier gerade vorgelebt wurde: Führung beginnt damit, dass man die Rechnung für das eigene Handeln selbst bezahlt. Alles andere ist Verwaltung.

In diesem Sinne: Viel Erfolg, Jürgen Klopp. Und danke für die Erinnerung daran, wie einfach die Grundregeln eigentlich sind.


Was meint Ihr: Sollten klare Exit-Kriterien und der Verzicht auf Absicherung zum Standard für Führungspositionen werden – auch außerhalb des Sports? Ich freue mich auf Eure Perspektiven in den Kommentaren.

Scroll to Top