Dreimal derselbe Fehler: Was der Berliner Stromausfall über unser Verteilnetz verrät

45.000 Haushalte. Über vier Tage ohne Strom. Minusgrade.

Der Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Teltowkanal hat vergangene Woche den Berliner Südwesten lahmgelegt. Doch die eigentliche Frage ist nicht, wer die Täter waren – sondern warum ein einzelner Angriffspunkt ein derart großflächiges Versagen auslösen konnte.

Die Antwort ist unbequem: Die n-1-Regel wurde nicht eingehalten.


Was ist die n-1-Regel?

Das n-1-Kriterium ist ein fundamentales Prinzip der Netzplanung: Ein Stromnetz muss so ausgelegt sein, dass der Ausfall eines beliebigen Betriebsmittels – einer Leitung, eines Transformators, eines Kraftwerks – nicht zu einer Versorgungsunterbrechung führt. Fällt Element “n” aus, übernimmt die Redundanz.

Im europäischen Übertragungsnetz (Höchstspannung, 220/380 kV) ist dieses Prinzip Standard. Im regionalen Verteilnetz – also dort, wo der Strom tatsächlich bei Ihnen ankommt – offenbar nicht überall.

Quelle: hessenschau.de – N-1-Prinzip in Deutschland

Berlin: Alle Eier in einem Korb

Prof. Dr.-Ing. Kai Strunz von der TU Berlin (Fachgebiet Energieversorgungsnetze und Integration Erneuerbarer Energien, IEEE Fellow) bringt es im taz-Interview auf den Punkt: Im Berliner Verteilnetz gab es für das betroffene Gebiet keinen alternativen Versorgungsweg. Die Zerstörung einer einzigen Kabeltrasse führte zwangsläufig zum Blackout.

Die Ringleitung besaß schlicht keinen weiteren Einspeisepunkt.

Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Muster.

Quelle: taz – Interview mit Prof. Kai Strunz

2019: Salvador-Allende-Brücke – Kostengründe vor Redundanz

Im Februar 2019 führten Bauarbeiten an der Salvador-Allende-Brücke in Köpenick zu einem 31-stündigen Stromausfall für 31.500 Haushalte. Die Ursache war dokumentiert: Beide redundanten Hochspannungsleitungen (110 kV) verliefen in nur einem Meter Abstand über dieselbe Brücke.

Warum? Eine räumlich getrennte Verlegung hätte eine zweite Brückenüberführung erfordert. Das wurde aus Kostengründen verworfen.

Quellen: Wikipedia – Salvador-Allende-Brücke | Berliner Feuerwehr – Symposium 2019

September 2025: Treptow-Köpenick – Lektion nicht gelernt

Erneut ein Brandanschlag, erneut zwei Strommasten (Freileitungsendmasten) gleichzeitig beschädigt, 50.000 Haushalte für rund 60 Stunden ohne Strom. Die Redundanz, die hätte greifen sollen, war am selben Ort installiert wie die Hauptleitung.

Quellen: Berlin.de – Stromversorgung wiederhergestellt | THW – Einsatzbericht

Januar 2026: Lichterfelde – Und täglich grüßt das Murmeltier

Alle fünf Hochspannungskabel und zehn Mittelspannungskabel einer Trasse über den Teltowkanal zerstört. Kein alternativer Versorgungsweg. 45.000 Haushalte, über vier Tage Ausfall bei Minusgraden (3.–7. Januar 2026).

Wirtschaftssenatorin Giffey erklärte, solche Kabelbrücken gebe es rund 400-mal in Berlin. Sie seien technisch notwendig, um Gewässer zu überqueren.

Das stimmt. Aber niemand zwingt einen Netzbetreiber, alle redundanten Leitungen über dieselbe Brücke zu führen.

Quellen: Stromnetz Berlin – Krisenseite | Wikipedia – Anschlag auf das Berliner Stromnetz | taz – Brandanschlag auf Stromnetz

Die unbequeme Wahrheit

Das n-1-Prinzip ist kein technisches Hexenwerk. Es ist eine Planungsentscheidung – und eine Kostenfrage.

Eine echte räumliche Trennung redundanter Trassen bedeutet: zweite Brücken, zweite Trassen, zweite Kabelkanäle. Das kostet Geld. Viel Geld.

Die Alternative kennen wir jetzt: Notunterkünfte in Turnhallen, Bundeswehreinsätze für Kraftstofftransporte, 97-Jährige auf Feldbetten, eingefrorene Heizungen.

Was kostet mehr?


Was muss sich ändern?

  1. Transparenz: Welche kritischen Single-Points-of-Failure existieren im deutschen Verteilnetz? Die Öffentlichkeit hat ein Recht, das zu wissen – ohne dass Angreifern eine Blaupause geliefert wird.
  2. Regulatorische Konsequenz: Das n-1-Kriterium muss auch im Verteilnetz verbindlich werden – nicht nur auf dem Papier, sondern mit räumlicher Trennung kritischer Redundanzen.
  3. Dezentrale Resilienz: Batteriespeicher, Inselnetze und lokale Einspeisepunkte können Ausfälle begrenzen. Die Technologie existiert. Sie muss ausgerollt werden. Prof. Strunz: „Dezentrale Erzeuger und Speicher sollten eine wichtige Rolle spielen. Sogenannte Inselnetze, die bei einem Ausfall auch dezentral Netzspannung bereitstellen, sind eine wirklich gute und sinnvolle Maßnahme.”
  4. Ehrliche Kostenrechnung: Die Kosten unterlassener Redundanz – Katastrophenschutz, Wirtschaftsschäden, Gesundheitsrisiken – müssen in die Netzplanung einfließen.
Quelle Inselnetze: taz – Interview mit Prof. Kai Strunz

Was können Sie selbst tun?

Während wir auf systemische Verbesserungen warten, gibt es bereits heute Möglichkeiten, sich privat abzusichern. Aber Vorsicht: Die meisten PV-Anlagen mit Speicher hätten in Berlin auch nicht geholfen.

Warum? Netzgekoppelte Wechselrichter brauchen das öffentliche Netz als Referenz. Kein Netz → Wechselrichter schaltet ab. Das ist gesetzlich vorgeschrieben (VDE-AR-N 4105).

Was Sie wirklich brauchen:

Echter Inselbetrieb – nicht nur eine “Notstrom-Steckdose” mit 2-3 kW, sondern ein schwarzstartfähiges System, das eigenständig ein stabiles 230V/50Hz-Hausnetz aufbaut.

3-phasige Versorgung – damit auch Heizungspumpe, Kühlschrank UND Licht gleichzeitig laufen.

Vehicle-to-Home (V2H) – Eine typische E-Auto-Batterie hat 50+ kWh. Damit lässt sich ein Haushalt 3-4 Tage versorgen – genau die Zeitspanne, die Berlin jetzt überbrücken musste. Und während Tankstellen ohne Strom geschlossen bleiben, bleibt das E-Auto fahrbereit.

👉 Die technischen Details habe ich in meinem letzten Beitrag ausführlich erklärt: Wie echter Inselbetrieb funktioniert – und warum die meisten PV-Anlagen bei Blackout nutzlos sind


Fazit

Der Berliner Stromausfall war kein unvorhersehbares Ereignis. Er war die logische Konsequenz einer Infrastruktur, die Kostenoptimierung über Resilienz gestellt hat.

Dreimal derselbe Fehler in sieben Jahren: 2019, 2025, 2026. Die Frage ist nicht mehr, ob wir etwas ändern müssen – sondern wann wir endlich damit anfangen.


Quellenübersicht:


Wie sehen Sie das? Ist das n-1-Prinzip im Verteilnetz eine realistische Forderung – oder Wunschdenken? Ich freue mich auf Ihre Perspektive in den Kommentaren.


#Energiewende #Stromnetz #Infrastruktur #Resilienz #Blackout #Berlin #Energieversorgung #KritischeInfrastruktur #Solaranlage #V2H #VehicleToHome #Notstrom #Photovoltaik

Scroll to Top