Die ungelehrte Lektion – 50 Jahre Energiekrisen und wir lernen immer noch nichts
Heute steht Brent-Rohöl über 100 Dollar pro Barrel. Wieder einmal. Der Strait of Hormuz ist faktisch blockiert. Wieder einmal droht ein geopolitischer Konflikt, die Weltwirtschaft in die Knie zu zwingen.
Und wieder einmal hören wir Politiker sagen, die Lage sei „außergewöhnlich”, die Krise sei „unvorhersehbar” gewesen.
Das ist eine Lüge. Eine bequeme, oft wiederholte, teure Lüge.
Ich bin Ingenieur. Ich habe 28 Jahre in der Automobilindustrie gearbeitet – ECU-Entwicklung, Funktionale Sicherheit, Elektromobilität. In meiner Welt nennen wir etwas, das mehrfach ausfällt und immer wieder gleich reagiert, ein Systemproblem. Kein Zufallsereignis. Ein strukturelles Versagen. Und Systemprobleme löst man nicht mit Schmerztabletten. Man muss an die Ursache.
Diese Geschichte begann nicht am 28. Februar 2026. Sie begann vor über 50 Jahren. Und wer sie kennt, der weiß: Wir haben jede Warnung gehabt. Wir haben jede einzelne ignoriert.
1972 Die Warnung, die niemand hören wollte
Der Club of Rome veröffentlicht „The Limits to Growth”. Das Ergebnis jahrelanger Systemmodellierung am MIT ist eindeutig: Unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten ist physikalisch unmöglich. Ressourcen sind begrenzt. Fossile Träger sind erschöpfbar. Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten sind strategische Schwachstellen.
Der Bericht wird weltweit diskutiert, übersetzt, gelesen. Und dann – abgelegt. Die Wirtschaft boomt. Öl ist billig. Warum sollte man sich um Grenzen kümmern, wenn die Zapfsäule funktioniert?
Die Antwort bekommt die Welt ein Jahr später.
1973 · Der erste Schock – und die erste vergessene Lektion
Oktober 1973. Der Jom-Kippur-Krieg bricht aus. Die OPEC verhängt ein Ölembargo. Innerhalb weniger Monate vervierfacht sich der Ölpreis. In Deutschland führt die Bundesregierung autofreie Sonntage ein. Menschen laufen auf Autobahnen spazieren.
Die politische Reaktion ist reflexartig: Energiesparprogramme, erste Investitionen in erneuerbare Energien – und vor allem: massiver Ausbau der Kernkraft. Man tauscht eine Abhängigkeit gegen eine andere. Statt die grundlegende Frage zu stellen – Wie werden wir unabhängig? – fragt man: Wo bekommen wir die nächste günstige Energiequelle?
Die Krise endet. Die Preise fallen. Die autofreien Sonntage werden eingestellt. Und 1979 wiederholt sich das Spiel: Islamische Revolution im Iran, erneute Preisexplosion – erneute Beruhigungsmittel statt Strukturreform.
1986 · 2011 Tschernobyl, Fukushima – und die Brücke ins Nirgendwo
26. April 1986. Reaktor Nummer 4 in Tschernobyl explodiert. Deutschland dreht Schritt für Schritt die Kernkraftwerke ab. Eine gesellschaftlich legitime Entscheidung – aber ohne vollständigen Plan, womit man sie ersetzt.
„Man hat das Feuer gelöscht – und vergessen, ein neues Licht zu entzünden.”
2011, nach Fukushima, wiederholt sich dieser Fehler in verschärfter Form: Acht Kraftwerke gehen sofort vom Netz. Was folgt, ist aus heutiger Sicht fast schmerzhaft vorhersehbar. Deutschland steigert seinen Gasimport. Die Abhängigkeit von Russland wächst. Nord Stream 1 ist bereits in Betrieb. Nord Stream 2 wird gebaut. Die Begründung: Gas sei eine „Brückentechnologie”.
Eine Brücke, die nur an einem Ende befestigt war.
2021 · Die russische Gas Krise – die selbst verschuldete Katastrophe
Was im Herbst 2021 beginnt, ist keine Überraschung. Es ist die Konsequenz einer Politik, die über Jahrzehnte Warnsignale ignoriert hat.
🔴 Systemfehler in Zahlen Deutschland hatte zum Zeitpunkt der Gas Krise eine Abhängigkeit von über 55 % von einem einzigen Lieferanten. In keiner seriösen Systemarchitektur würde man einen Single Point of Failure dieser Größenordnung akzeptieren.
Russland drosselt. Die Preise an den europäischen Energiebörsen explodieren. Nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine bricht das gesamte Konstrukt zusammen. Industrien, die mit günstigem russischem Gas kalkuliert hatten, stehen vor dem Aus.
In der Automobilindustrie werden sicherheitskritische Systeme nach ISO 26262 grundsätzlich redundant ausgelegt. FMEA, funktionale Sicherheit, Ausfallanalyse – all diese Konzepte existieren, weil wir wissen: Systeme versagen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann.
Warum gilt diese Logik nicht für kritische Infrastruktur?
28. Feb. 2026 Der Iran-Konflikt – wieder am selben Ort
US-amerikanische und israelische Streitkräfte führen koordinierte Luftangriffe auf Iran durch. Der Konflikt eskaliert innerhalb von Tagen. Die Straße von Hormuz – jene 55 Kilometer schmale Meerenge, durch die rund 20 % der weltweiten Ölversorgung fließt – ist faktisch blockiert.
Brent-Rohöl springt von 73 auf zeitweise über 119 Dollar. Qatar verhängt Force Majeure auf seine LNG-Exporte – das Land liefert 20 % des weltweiten Flüssiggases. Saudi-Arabiens größte Raffinerie ist geschlossen. Rund ein Fünftel der weltweiten Rohöl- und Erdgasversorgung ist unterbrochen.
Und wieder hören wir: „unvorhersehbar”. „Außergewöhnliche Umstände”. „Temporärer Schock”.
Ich möchte eine andere Frage stellen: Wie viele dieser „unvorhersehbaren” Krisen brauchen wir noch?
Das Muster, das wir nicht sehen wollen
Was wir in den letzten 50 Jahren beobachten, ist kein Pech. Es ist ein Systemfehler mit perfekter Regelmäßigkeit:
- Schritt 1: Abhängigkeit entsteht, weil fossile Energie billig und bequem ist.
- Schritt 2: Ein geopolitischer Trigger – Krieg, Revolution, Embargo – unterbricht die Versorgung.
- Schritt 3: Kurzfristige Lösungen werden implementiert: neue Lieferanten, neue Abhängigkeiten.
- Schritt 4: Die Krise endet. Die Preise fallen. Die Dringlichkeit schwindet.
- Schritt 5: Zurück zu Schritt 1.
Dieser Kreislauf hat sich 1973, 1979, 1991, 2008, 2021 und jetzt 2026 wiederholt. Nicht zweimal – sechs Mal in fünfzig Jahren.
In der Ingenieursprache nennen wir das ein deterministisches System. Es verhält sich vorhersehbar. Wenn ein System vorhersehbar versagt, liegt die Verantwortung nicht beim System – sondern bei denen, die es nicht ändern.
Die Technologie ist da – was fehlt, ist der Wille
Im Jahr 2026 ist die technische Lösung für Energieautonomie keine Zukunftsvision mehr. Sie ist Gegenwart:
Photovoltaik hat sich von einer Nischentechnologie zur günstigsten Stromquelle der Geschichte entwickelt. Die Kosten sind um über 90 % gefallen. Batteriespeicher haben dieselbe Kostendegression erfahren. Hybrid-Wechselrichter mit intelligentem Energiemanagement verbinden diese Elemente zu einem lernenden System: Solar, Speicher, Netz und steuerbare Lasten werden integriert, Überschüsse genutzt, Netzbezug minimiert.
Das ist keine Theorie. Das ist das, woran ich jeden Tag arbeite.
Was fehlt, sind nicht Technologien. Was fehlt:
- Politischer Wille, Rahmenbedingungen schnell und konsequent zu setzen
- Investitionsgeschwindigkeit, die der Dringlichkeit entspricht
- Regulatorische Klarheit, die Planungssicherheit für Unternehmen schafft
- Systemdenken in der Energiepolitik, das über Legislaturperioden hinausgeht
Das Internet ist redundant, weil sein Vorläufer ARPANET dafür ausgelegt wurde, einen Nuklearkrieg zu überstehen. Kein einzelner Ausfallpunkt sollte das gesamte System lahmlegen.
Ich habe 28 Jahre lang sicherheitskritische Systeme entwickelt. In dieser Zeit habe ich eine Grundregel verinnerlicht: Ein System ist nur so sicher wie sein schwächstes Glied.
Wir haben jahrzehntelang Systeme gebaut, deren schwächstes Glied eine Meerenge in der Größe des Bodensees ist. Das ist kein Schicksal. Das ist eine Designentscheidung.
Wann hören wir auf, Abhängigkeiten zu verwalten – und wann fangen wir an, Unabhängigkeit zu bauen?
Werner Böhme ist Dipl.-Ing. Elektrotechnik, Gründer und Geschäftsführer der awb-it GmbH in Weil im Schönbuch. Er entwickelt den ampareq Gen3 – einen dreiphasigen KI-gestützten Hybrid-Wechselrichter für dezentrale Energieversorgung –