Drei Phasen, ein Haus, ein Blackout — warum nicht jeder Hybridspeicher hält, was er verspricht
Stellen Sie sich vor: Der Strom fällt aus. Ihr Hybridspeicher schaltet, wie versprochen, in den Notstrombetrieb. Das Licht im Wohnzimmer brennt weiter. Der Kühlschrank läuft. Sie sind erleichtert. Dann gehen Sie in die Küche und merken: Der Backofen ist tot. Die Wärmepumpe steht. Die Steckdose im Hobbyraum hat keinen Saft. Die Wallbox ebenfalls nicht.
Was ist passiert? Auf dem Datenblatt stand „notstromfähig”. Und das stimmt sogar. Nur eben nicht für Ihr ganzes Haus. Um zu verstehen, warum, muss man kurz unter die Haube schauen. Versprochen: Es bleibt verständlich.
Drei Phasen, drei parallele Stromleitungen
Praktisch jedes deutsche Haus wird dreiphasig versorgt. Über das Hausanschlusskabel kommen drei separate Stromleitungen ins Gebäude. In der Fachsprache heißen sie L1, L2 und L3, oder einfach Phase 1, 2 und 3. Man kann sich das vorstellen wie drei parallele Wasserleitungen, die ins Haus führen. Jede für sich versorgt einen Teil der Verbraucher.
Die meisten Geräte hängen nur an einer dieser drei Phasen. Die Lampen im Wohnzimmer an L1, die Steckdosen in der Küche vielleicht an L2, das Bad an L3. Welche Phase wo angeschlossen ist, entscheidet der Elektriker beim Bau, und der Bewohner sieht es nie.
Einige große Verbraucher brauchen dagegen alle drei Phasen gleichzeitig. Die Wärmepumpe, der Elektroherd, die Wallbox, Werkstattmaschinen, manche Saunaöfen. Sie ziehen ihre Leistung aus allen drei Leitungen zusammen, was sie effizienter macht und die einzelne Phase schont.
Warum das im Normalbetrieb niemanden interessiert
Im Alltag denkt darüber kein Endkunde nach, und das aus einem guten Grund. Das öffentliche Stromnetz ist so groß und so stabil, dass es jede Ungleichheit zwischen den Phasen mühelos schluckt. Wenn Sie abends auf einer Phase staubsaugen, während die beiden anderen kaum belastet sind, merkt das öffentliche Netz das nicht einmal als Rauschen. Es ist wie der Atlantik. Sie können einen Eimer Wasser hineinkippen oder herausnehmen, der Pegel ändert sich nicht.
Diese Gleichgültigkeit gegenüber Phasenungleichheit ist eine der wichtigsten und unsichtbarsten Leistungen unserer Stromversorgung. Erst wenn sie wegfällt, wird sie sichtbar.
Im Blackout wird das Haus zur Insel
Sobald das öffentliche Netz ausfällt und der Hybridspeicher als Notstromquelle einspringt, ändert sich die Spielregel grundsätzlich. Aus dem unendlichen Atlantik wird ein abgeschlossener Tümpel. Das ganze Haus zieht seinen Strom jetzt aus genau einem Gerät, dem Wechselrichter Ihres Speichersystems. Und der muss nun selbst die drei Phasen stabil halten.
Hier zeigt sich, was ein Hybridspeicher technisch wirklich kann. Drei Bauarten sind am Markt verbreitet, und sie verhalten sich im Notstromfall deutlich unterschiedlich.
Der einphasige Hybridspeicher versorgt im Blackout nur eine einzige der drei Phasen, meistens die, an der er angeschlossen ist. Alle Geräte an den anderen beiden Phasen bleiben dunkel. Zwei Drittel des Hauses sind schlicht offline. Wärmepumpe, Herd und Wallbox sind ohnehin tot, weil sie alle drei Phasen brauchen. Ob das ausreicht, ist eine Frage der eigenen Erwartung. Wer „notstromfähig” liest und das ganze Haus erwartet, wird hier enttäuscht.
Der dreiphasige Hybridspeicher mit gekoppelten Phasen speist alle drei Phasen, behandelt sie aber als Einheit. Das funktioniert hervorragend, solange die Lasten gleichmäßig verteilt sind. Sobald aber ein Verbraucher auf einer Phase plötzlich stark zieht, beispielsweise weil die Heizungsumwälzpumpe anläuft, während auf den anderen Phasen wenig los ist, gerät das System in Bedrängnis. Manche Geräte dieser Klasse drosseln dann auf allen drei Phasen, andere schalten ab, wieder andere reagieren mit Spannungseinbrüchen, die empfindliche Elektronik nicht mag. Das Datenblatt sagt dreiphasig, das Verhalten im realen Haus ist es nur eingeschränkt.
Der echt dreiphasige Hybridspeicher mit unabhängiger Phasenregelung behandelt jede der drei Phasen wie einen eigenen Wechselrichter. Wenn auf L1 die Wärmepumpe anläuft und auf L2 nur eine Lampe brennt, ist das kein Problem. Jede Phase regelt ihre Spannung und ihren Strom für sich. Erst diese Bauart liefert im Notstromfall das, was viele Käufer unter „notstromfähig” eigentlich verstehen. Das ganze Haus läuft weiter, mit allen Geräten, in allen Räumen, in jeder Lastsituation.
Der zweite, oft übersehene Effekt: Anlaufströme
Es gibt einen weiteren Punkt, der diese Bauarten unterscheidet und im Datenblatt fast nie auftaucht. Anlaufströme. Wenn eine Wärmepumpe, eine Pumpe oder ein Werkstattmotor anspringt, zieht das Gerät für Bruchteile einer Sekunde das Dreifache bis Sechsfache seines Nennstroms. Im öffentlichen Netz ist das ein Wimpernschlag. Im Inselbetrieb hängt es davon ab, wie steif der Wechselrichter diese Stromspitze halten kann, und ob er es nur auf einer Phase kann oder auf allen drei. Schwächere Systeme schalten dann ab, mit dem Ergebnis, dass der Notstrombetrieb genau in dem Moment endet, in dem man ihn am dringendsten braucht.
Was das für die Kaufentscheidung bedeutet
Die Notstromfunktion eines Hybridspeichers ist kein binäres Merkmal. „Ja” oder „Nein” auf dem Datenblatt sagt wenig darüber aus, was im Ernstfall in einem realen Haushalt tatsächlich funktioniert. Wer sich einen Heimspeicher für Resilienz anschafft, also für den Fall, dass das öffentliche Netz einmal nicht da ist, sollte drei Fragen stellen, bevor er kauft.
Erstens: Versorgt der Speicher im Notstromfall alle drei Phasen oder nur eine? Zweitens: Können die Phasen unabhängig voneinander geregelt werden, oder hängen sie aneinander? Drittens: Welchen Anlaufstrom hält das System auf jeder einzelnen Phase aus, ohne abzuschalten?
Die Antworten entscheiden, ob Sie im Blackout wirklich Ihr Haus betreiben oder nur eine Notbeleuchtung. Beide Lösungen haben ihre Berechtigung. Aber der Unterschied gehört auf den Tisch, bevor das Geld ausgegeben wird.