Die unsichtbaren Gigawatt: Was Stromstatistiken verschweigen – und wer profitiert davon?

Wer Netzlast-Kurven auf SMARD.de betrachtet, sieht täglich ein bekanntes Muster: Abends steigt der Verbrauch steil an. Die Erklärung klingt plausibel – Feierabend, Kochen, Fernsehen. Aber stimmt das vollständig?

Das Erfassungsproblem

In Deutschland sind über 3,4 Millionen PV-Anlagen und mehr als 1,2 Millionen Balkonkraftwerke installiert. Ein erheblicher Teil erzeugt Strom, der direkt vor Ort verbraucht wird – physikalisch zwangsläufig, denn Strom fließt immer den Weg des geringsten Widerstands zur nächsten Senke. Der Solarstrom vom Balkon versorgt zuerst die eigene Wohnung, dann den Nachbarn im selben Haus, dann das Ortsnetz. Er erreicht nie die Mittel- oder Hochspannungsebene – und genau hier liegt das Problem:

Dieser lokale Verbrauch erscheint in keiner Echtzeit-Statistik.

Das Statistische Bundesamt bestätigt: Balkonkraftwerke fallen “in der Regel nicht” unter die erfassten Erzeugungsanlagen. Für die meisten Kleinanlagen unter 100 kWp gibt es keine Lastgangmessung – ein einziger Jahres-Zählerstand wird auf 35.040 Viertelstunden hochgerechnet.

Was statistisch als “Verbrauchsanstieg” erscheint, ist teilweise ein unsichtbarer Quellenwechsel: Tagsüber läuft der Kühlschrank mit lokalem PV-Strom (niedriger Netzbezug), nach Sonnenuntergang mit Netzstrom (“erhöhter Verbrauch”). Die Grundlast ändert sich nicht – nur die Quelle wechselt unsichtbar. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt im Sommer, wenn PV-Produktion und Abendspitze zeitlich überlappen.

Wer kassiert den “geschenkten” Überschuss?

Die Bundesnetzagentur schreibt zur “unentgeltlichen Abnahme” bei Balkonkraftwerken: Der Netzbetreiber kümmert sich um Abnahme, Bilanzierung und Vermarktung des eingespeisten Stroms – ohne Vergütung an den Erzeuger.

Der physikalische Geldfluss: Dein Überschuss fließt zum Nachbarn (kürzester Weg im Ortsnetz). Der Netzbetreiber vermarktet ihn bilanziell an der Börse (~8 ct/kWh). Der Nachbar zahlt seinem Stromanbieter ~37 ct/kWh für Strom, der physikalisch nie über das Übertragungsnetz kam.

Eine Hochrechnung zum Nachdenken

Offizielle Statistiken zu den Geldflüssen bei “unentgeltlicher Abnahme” existieren nicht. Aber eine Überschlagsrechnung wirft Fragen auf:

~1,2 Mio. Balkonkraftwerke × ~750 kWh/Jahr = ~900 GWh Jahreserzeugung

Bei einer typischen Eigenverbrauchsquote von 20-30% (ohne Speicher) fließen geschätzte ~630 GWh/Jahr unvergütet ins Netz. Was passiert mit diesem Strom?

  • Börsenerlöse (~8 ct/kWh): ~50 Mio. €/Jahr? → fließen ins EEG-System
  • Netzentgelte (~9 ct/kWh): ~57 Mio. €/Jahr? → zahlt der Nachbar für Strom, der das vorgelagerte Netz nie nutzte
  • Stromanbieter: Verkaufen Strom für 37 ct, den sie nicht beschaffen mussten?

Fließen hier jährlich ~150-200 Mio. € für Strom ins System, den die Erzeuger verschenken? Und wer profitiert davon, dass diese Flüsse statistisch unsichtbar bleiben?

Die Konsequenz

Die Rechnung für den Einzelnen ist eindeutig: Selbst verbrauchte kWh spart ~37 ct, eingespeiste kWh (ohne Vergütung) bringt 0 ct. Wer Überschuss speichert statt verschenkt, profitiert vierfach – und entlastet das Netz in der kritischen Abendphase.

Die Energiewende findet längst hinter dem Stromzähler statt – nur sehen wir es in den Statistiken nicht. Und das aktuelle System setzt wenig Anreize, daran etwas zu ändern.

Wie seht ihr das: Sollte der “verschenkte” Überschuss anders behandelt werden? Brauchen wir mehr Transparenz über die Geldflüsse bei dezentraler Einspeisung?

Hinweis: Die wirtschaftliche Hochrechnung basiert auf plausiblen Annahmen, ist aber keine offizielle Statistik. Genau das ist Teil des Befunds – diese Daten werden nicht systematisch erfasst.

#Energiewende #Photovoltaik #Balkonkraftwerk #Stromnetz #Energiespeicher

 

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