VDE-AR-N 4105: Was Distributoren über Grid-Code-Compliance wissen müssen — bevor es zum eigenen Problem wird

 

Die meisten Gespräche über VDE-AR-N 4105 finden zwischen Ingenieuren und Zertifizierungsstellen statt. Distributoren sind selten dabei.

Das ist ein Fehler — und ein teurer.


Was VDE-AR-N 4105 tatsächlich regelt

VDE-AR-N 4105 ist die deutsche Netzanschlussnorm für Erzeugungsanlagen in der Niederspannung — sie gilt für Wechselrichter, Batteriespeichersysteme und Hybridgeräte. Mit der Novelle 2025 wurde der Anwendungsbereich auf Anlagen bis 500 kW (AC) ausgeweitet; Anlagen dieser Größenordnung fallen nun nicht mehr unter die schärfere VDE-AR-N 4110. Die Norm definiert das Verhalten am Netzanschlusspunkt: Spannungs- und Frequenzregelung, Blindleistungsfähigkeit (Q(U) ist jetzt Standardverfahren im Auslieferungszustand), Inselnetzschutz sowie das vorgeschriebene Trennverhalten bei Netzstörungen.

Seit 2018 ist die Norm für alle netzgekoppelten Systeme in Deutschland verpflichtend. Ein Gerät, das ohne gültiges Zertifikat für den Netzanschluss verkauft wird, ist nicht nur nicht konform — es darf von einem zertifizierten Elektrofachbetrieb rechtlich nicht installiert werden.

Genau hier wird es für Distributoren relevant.


Die Compliance-Lücke im Vertriebskanal

Was ich im Markt immer wieder beobachte: Ein Hersteller erhält die VDE-AR-N 4105-Zertifizierung für eine bestimmte Hardware- und Firmwarekonfiguration. Der Distributor vertreibt das Produkt — korrekt. Aber irgendwo zwischen dem Lager des Distributors und der fertigen Installation wird die Firmware aktualisiert, ein Parametersatz geändert oder ein Zubehör hinzugefügt, das nicht zum Zertifizierungsumfang gehört.

Ergebnis: Das installierte System befindet sich nicht mehr in der zertifizierten Konfiguration. Das Zertifikat auf dem Papier ist noch gültig. Das Produkt im Feld ist es nicht mehr.

Das ist kein theoretischer Randfall. Netzbetreiber in Deutschland fordern bei der Netzanmeldung zunehmend die Zertifikatsnummer und die installierte Firmwareversion. Installationsbetriebe fragen Distributoren bereits nach konfigurationsspezifischer Compliance-Dokumentation — nicht nur nach der Zertifikats-PDF.


Sorgfaltspflicht und Haftungsrisiko im Vertriebskanal

Das Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) und die Niederspannungsrichtlinie (2014/35/EU) schaffen eine klare Verantwortungsstruktur. Als Distributor trägt man eine Sorgfaltspflicht hinsichtlich Konformität und Zertifizierungsstand der platzierten Produkte. Kann im Schadensfall der Hersteller nicht eindeutig identifiziert oder die Zertifizierungskonformität nicht nachgewiesen werden, rückt der Distributor nach § 4 ProdHaftG in die Haftung — auch dann, wenn er selbst keine technischen Änderungen am Produkt vorgenommen hat. Zusätzlich haftet ein Distributor, der wissentlich oder fahrlässig Produkte ohne erforderliche Konformitätsnachweise vertreibt.

Es geht hier nicht darum, Ingenieur zu sein. Es geht darum zu verstehen, was man unterschreibt, wenn man ein Produkt ins Portfolio aufnimmt.

Drei Fragen, die jeder Distributor beantworten können sollte, bevor er einen netzgekoppelten Wechselrichter listet:

  1. Deckt das Zertifikat die aktuell ausgelieferte Firmwareversion ab?
  2. Ist die Blindleistungscharakteristik (Q(U)-Kurve) konfigurierbar — und wenn ja, liegt jede gültige Konfiguration innerhalb des zertifizierten Umfangs?
  3. Hat der Hersteller einen definierten Prozess für die Neuzertifizierung, wenn Firmware-Änderungen das Netzverhalten beeinflussen?

Wenn eine dieser Fragen mit „weiß ich nicht” beantwortet wird, ist das das Risikoprofil, das man akzeptiert.


Was gute Compliance-Dokumentation ausmacht

Ein seriöser Hersteller liefert mehr als eine Zertifikatsnummer. Er stellt eine klar versionierte Konformitätserklärung bereit, die an spezifische Hardware-Revisionen und Firmware-Builds geknüpft ist, einen definierten Parametersatz, der der Zertifizierung entspricht, und einen dokumentierten Prozess dafür, wie netzrelevante Firmware-Updates behandelt werden — einschließlich der Frage, ob eine Neuzertifizierung erforderlich ist.

Dieses Dokumentationsniveau ist im Markt noch nicht Standard. Es wird aber zunehmend zum Differenzierungsmerkmal — insbesondere da Netzbetreiber die Netzanmeldeprozesse verschärfen und Installationsbetriebe bei der Lieferantenauswahl genau auf diese Kompetenz achten.


Warum das jetzt relevant ist

Der deutsche Heimspeichermarkt wächst — aber auch die regulatorische Kontrolle. Die VDE-AR-N 4105 Novelle 2025 ist bereits veröffentlicht und bringt konkrete Verschärfungen: erweiterte Anforderungen an dynamische Netzstützung (RoCoF, P(f)), Q(U) als verpflichtiges Standardverfahren für die Blindleistungsregelung sowie neue NA-Schutz-Varianten. Produkte, die auf Basis der alten 2018er-Fassung zertifiziert wurden, müssen auf Konformität mit der neuen Revision geprüft werden.

Distributoren, die Compliance auf diesem Detailniveau verstehen, sind besser aufgestellt: bei der Bewertung neuer Produkte, bei der Reduzierung ihres Haftungsrisikos und beim Aufbau langfristiger Beziehungen zu Installationspartnern, die ihre Lieferanten zunehmend genau nach dieser Kompetenz auswählen.

Grid-Code-Compliance ist kein Ingenieursproblem. Es ist ein Geschäftsrisiko — und eine Chance zur Differenzierung.


Ich begleite aktuell die VDE-AR-N 4105-Zertifizierung des ampareq Gen3 Hybrid-Wechselrichters. Fragen zur Norm oder zur Zertifizierungspraxis gerne in den Kommentaren

 

Scroll to Top